INTERVIEW
mit Bruno Winkler, Historiker und Museumskurator
Winkler: Dein künstlerisches Schaffen widmet sich der Visualisierung mittels Fotografie. Nun aber beschäftigst du dich in dieser Ausstellung mit dem Phänomen des Vakuums. Also mit der Leere, dem so genannten Nichts.
Wie dürfen/sollen/können wir uns aber die Darstellung des nicht Sichtbaren und damit des nicht Darstellbaren vorstellen?
Präg: Die Darstellung des Nicht-Darstellbaren ist eine starke Forderung seit dem 20. Jahrhundert. Das Wesentliche ist nicht darstellbar, nicht beschreibbar. Wir können es mit Sprache, mit Bildern nur umkreisen. Mir liegt dabei die Bildsprache wesentlich näher. Alles, was wir beschreiben, bleibt eine Konstruktion. Diese Konstruktionen sind notwendig für ein gesellschaftliches Zusammenleben. Sie bilden Gemeinschaften und ein Regelwerk für unsere Beziehungen. Aber sie sind stets unvollkommen. Das sollte man immer im Blick haben. Ansonsten erleben wir böse Überraschungen. Unsere Kultur ist eine Kultur des Berechnens, des Planens, des Entwickelns. Wir glauben an den Fortschritt. Doch haben wir etwas Wichtiges eben übersehen. Was wir ausgeblendet haben, bricht nun über uns herein – in Form von Krisen wie Kriege und Klimawandel.
Winkler: Der Philosoph Markus Steinweg schreibt in deinem Buch zur Ausstellung davon, dass die Leere eine produktive Kraft sei. Das erinnert mich an Peter Handke, der seine Schreibmethodik als ein immer wieder neu erfahrenes Abenteuer des Anfangens, des Aufbruchs, des sich auf den Weg Machens praktiziert. Auf zu neuen Ufern also, oder wie Hölderlin fröhlich ausgerufen hat: Auf, mein Freund, ins Offene, ins Offene!
Ist das eine künstlerische, oder auch philosophische Haltung, mit der du sympathisierst?
Präg: Ja, auf jeden Fall. Es ist ein ständiges Aufbrechen. Künstlerische Arbeit ist nie ein Selbstläufer. Das Scheitern ist eher die Regel. Also bleibt nur ein ständiges neues Aufbrechen. Wohin es führt, weiß man nicht. Es ist ein leerer Raum. Deshalb habe ich für die Kulturbühne auch Stalker von Andrei Tarkowski gewählt. Der Stalker bricht immer wieder auf, um jedes Mal den Weg in eine Zone neu zu finden. Das Ziel wird er nie erreichen, er betritt den zentralen Raum nie. Er betritt aus Respekt diesen Raum nicht. Aber er ist sein ständiges Ziel. Auch als Künstler werde ich das Ziel nie erreichen. Es bleibt aber ein Anziehungspunkt. Die Materialisierung dieses Zieles, die Erfüllung, wäre das Ende des Aufbruchs.
Winkler: Der Soziologe Hartmut Rosa beklagt den zunehmenden und kollektiven Verlust der sozialen Energie, also des Mehrwerts sozialer Interaktion, die neue Energien generiert, und eine (notwendige) Erweiterung des ICH ermöglicht.
Wirken für dich, auch in deinen Arbeiten, die Leere und das Vakuum, ebenfalls als Kraftfeld für etwas Neues, für neue Energie, vor allem auch für soziale Energie?
Präg: Es geht mir wie Marcus Steinweg, dem Autor meines Bildbands „Vakuum". Die Leere ist für ihn eine produktive Kraft, der Motor seines Denkens. Die Leere setzt er der Intensität, Euphorie und Wahrheit gleich. Wir müssen das landläufige ICH in Frage stellen. Wenn es gilt, sich seine eigene Welt zu konstruieren, um das persönliche Glück zu erfahren, dann bleibt keine soziale Energie übrig. Man muss nicht immer alles gleich einreißen, aber diese eigene Welt braucht Risse und Löcher. Bob Dylan singt in einem Lied „There is a crack in everything, that's how the light gets in". Wir brauchen manchmal eine Erschütterung, um größere vermeiden zu können. Das ICH sollten wir auch entleeren. Man sollte sich bewusst sein, dass Name, Nationalität, Kultur usw. von jedem Menschen niemals bewusst gewählt wurde. Es sind Zufälle. Was bleibt? Ein Vakuum! Um beziehungsfähig zu sein, brauchen wir dieses Vakuum. Nur so spüren wir Anziehung, sind neugierig und haben ein Einfühlungsvermögen. Wer auf seine zufällige Identität stolz ist, verbarrikadiert sich, verteidigt sich und wird überheblich. Dies ist auch aktuell das Problem einiger Staatsmänner.
Winkler: Du schreibst von einer beklemmenden Vergeblichkeit unseres Tuns: Wir planen, produzieren, gestalten. Mit der gerade in unseren Tagen Tendenz des Auseinanderbrechens vermeintlich stabiler Gefüge: Demokratie, Frieden, Natur.
Welche Schlüsse ziehst du in deinen Arbeiten zur Thematik VAKUUM daraus?
Präg: Marcus Steinweg verwendet den Begriff des Tatsachenobskurantismus. Wer sich auf vermeintliche Tatsachen beruft, verunklärt oft die Realität. Er verdunkelt sie mit Licht. Viele glauben, sie schauen den Tatsachen in die Augen und handeln danach. Dass diese Tatsachen oft unser eigenes Produkt sind, vergessen wir. Wirtschaftlichkeit und Effizienz waren immer angestrebte „objektive" Tatsachen. Dass die Folgekosten, die erst in Zukunft massiv auftreten werden, nicht eingepreist wurden, hat man vergessen.
Winkler: Geschichten und Erinnerungskultur schaffen Identitäten, ermöglichen Gemeinschaften und Zusammenleben. Diese konstituierenden Prozesse werden zunehmend brüchig.
Was können wir tun? Was kann die Kunst? Und hat das etwas mit VAKUUM zu tun?
Präg: Der Mensch braucht offensichtlich eine Identität. Sie entsteht durch die Herkunft, durch die Vergangenheit, durch Erinnerungen, durch gemeinsame Geschichten und durch Religion. Wie ich aber schon gesagt habe, wird jeder Mensch in diese Gemeinschaften hineingeboren, ohne sie ausgesucht zu haben. Er befindet sich zufällig in seiner Gemeinschaft. In vielen Fällen wird er sie auch verteidigen. Es ist aber die Aufgabe jedes Menschen, diese Geschichten weiterzuentwickeln. Man darf sie auch hinterfragen. Wir leben in einem Prozess. Jeder sollte seinen Beitrag leisten. Wenn man aber auf scheinbar unveränderlichen „Wahrheiten" beharrt, werden sie von sich aus Risse bekommen. Es ist unverständlich, wenn man alte religiöse Schriften als Werkzeuge der Selbstverteidigung verwendet. Das Unbegreifbare, das Unantastbare, das Unverfügbare wird in sein Gegenteil verkehrt. Verheerende Kriege sind die Folge.
Winkler: Einmal erinnerst du an Friedrich Nietzsche, konkret an ein herrliches Bild, das er von unserem vergeblichen Bemühen um Klarheit und gesichertem Wissen zeichnet. Nietzsche erinnert an den „tollen Menschen“, der am hellen Tag mit einer Laterne etwas sucht, das gerade durch die Aufklärung verschwunden ist.
Was überzeugt, was fasziniert dich an diesem Bild? Und findet es gar Ausdruck in deinen aktuellen fotografischen Arbeiten?
Präg: In seiner „Fröhlichen Wissenschaft" erzählt Nietzsche die Geschichte vom tollen, also verrückten Menschen. Ein Mann taucht am hellen Vormittag mit einer Laterne auf und sucht Gott. Er wird verlacht. Manche meinen spöttisch, dass er sich vielleicht verlaufen hat, dass er sich versteckt, oder dass er ausgewandert ist. „Wir haben ihn getötet", ruft er. Er hält eine lange Rede und warnt, dass wir so die Orientierung verloren haben. Wir werden stürzen! Wir haben uns von der Sonne losgekettet. Er warnt vor dem leeren Raum und prophezeit die Verwesung Gottes und ein bevorstehendes ungeheures Ereignis.
Die Geschichte kritisiert die Aufklärung, weil sie sich durch ihre Ausleuchtung selbst verdunkelt. Nietzsche will kein Zurück in die Vergangenheit, sondern eine Radikalisierung der Aufklärung. Die Aufhebung aller Werte.
Ich bin kein Nietzscheaner, dazu kenne ich ihn viel zu wenig. Er glaubt an die Prozesshaftigkeit der Welt. Daran glaube ich auch. Er wollte die Metaphysik beenden. Das will ich nicht. Er verurteilt die Aufklärung – das geht mir zu weit. Aber die Geschichte vom tollen Menschen finde ich fabelhaft. Über die Konsequenzen muss man selbst nachdenken. Den angedrohten leeren Raum kann ich für mich nutzen.